# 7 Tourtagebuch: Erst das Fressen

tetrashWas bedeutet Touren? Schnelles Essen, Stau und Iso-Matte? Oder etwa doch: Ausschweifung, Freibier und Rock ‘n’ Roll? Es ist keineswegs spaltirre, wenn eine Person diese Frage einmal so und das andere mal so beantwortet. Es kommt nur darauf an, wem zu welcher Tageszeit diese Frage gestellt wird. Ob morgens dem verkaterten Rest von Mensch im Schlafsack oder abends dem adrenalinbefeuerten Musiker kurz vor dem Auftritt. Im Laufe unserer Tour wurden die Abende wilder und die Morgen härter.

Letzte Station: das White Trash, vormals ein China-Restaurant, jetzt eine Cholesterin-Fabrik gigantischen Ausmaßes. Wem nach dem Fressen zu schnell die Moral anfällt, der wird sich an diesem Ort in schwere innere Konflikte geworfen sehen, denn das Haus führt eigentlich jede Errungenschaft der amerikanischen Fast-Food-Kultur der letzten Jahrzehnte in der Karte. Wir aßen rechtzeitig und gaben unseren Mägen somit bis zum Auftritt genug Zeit, sich zu ordnen. Endlich räumte man die Tische vor der Bühne beiseite, wir hingen unser Leuchtschild an den Zahn des China-Drachens und los ging es. Verstärkt mit den beiden kräftigen Lungen der Bläser Andrej und Johannes spielten wir in großer Besetzung zum Tourfinale auf. Art Hustles suggestive Wirkung aufs Publikum schien sich während der Tour noch verstärkt zu haben: auf einen kurzen Wink von ihm rückte die erste Reihe anstandslos die noch verbliebenen 2 Meter näher an den Bühnenrand. Jede Band steht ja hin und wieder vor der Verlegenheit, dem mitunter schüchternen Publikum ein Näherkommen schmackhaft zu machen. Für den Künstler ist es ein schmaler Grad zwischen Anbiederung und überheblicher Gleichgültigkeit, beides Arten, das Publikum gering zu achten. Letztlich ist es wie beim Flirten: der Erfolg zählt. Aber: ein Zurück vom Bühnenrand gibt es dann nicht mehr. Von beiden Seiten nicht.

#6 Tourtagebuch: Ja, Nein, Vielleicht.

p1000184Fußgängerzonen sind Orte des Grauens. Nirgendwo ist es einfacher, Menschen in schockstarre zu versetzen – wir machten den Guerilla-Promotion-Test in der Göttinger Innenstadt, die sich dafür ausgesprochen gut eignet:
“Darf ich eine kurze Frage stellen?” Blankes Entsetzen in den Gesichtern. “Habt ihr heute abend schon etwas vor?” Das Entsetzen dehnte sich. Hilfloses Schulterzucken oder Verlegenheitsantworten wie: “wir haben uns gerade eine DVD ausgeliehen.” Bemühte Höflichkeit. Zeit also, die Katze aus dem Sack zu lassen: “Ihr seht aus, als könntet ihr ein Rockkonzert vertragen.” Reaktion: defensives Schmunzeln. Das darauf folgende Gespräch ermöglichte uns dann gewisse Hochrechnungen, inwiefern die jeweiligen Interessensbekundungen der Passanten auf einen Konzertbesuch schließen lassen konnten. Wir lagen eigentlich immer daneben. Sicher geglaubte Kantonisten blieben fern, Wackelkandidaten tauchten überraschenderweise im Club am Tresen auf. Die Kunst der Unterscheidung. Napoleons Außenminister Talleyrand verglich einst das diplomatische Wesen mit dem weiblichen: “wenn eine Dame ‘nein’ sagt, meint sie ‘vielleicht’, wenn sie ‘Vielleicht’ sagt, meint sie ‘ja’ und wenn sie ‘ja’ sagt, ist sie keine Dame. Wenn hingegen ein Diplomat ‘ja’ sagt, meint er ‘vielleicht’, wenn er ‘vielleicht sagt, meint er ‘nein’. Wenn er ‘nein’ sagt, so ist er kein Diplomat.

Egal. Das Nörgelbuff war schließlich rappelvoll. Viel ging nicht mehr drauf zu stapeln. Art Hustle war kaum zu bremsen. C. Moe Blitzschutz und Dr. Valentine sind es inzwischen ja gewohnt, mit der steten Gefahr zu leben, durch dessen eruptive Bewegungen über den Bühnenrand gestoßen zu werden. Diesmal erwischte es aber nur das Equipment – den Synthie, die Sirene und das Megafon – beide verfehlten die erste Reihe nur knapp. Ein anderer Ausdruck von Art Hustles Arbeitsnachweis: nicht nur sein Hemd, selbst seine Krawatte konnte nach dem Konzert ausgewrungen werden. Don’t try this at home, Kids!

#5 Tourtagebuch: Hamburg, meine Perle

p1010418Der Vorverkauf für Hamburg war sehr gut gelaufen. Und bereits mehrere Stunden vor dem Konzert hatte sich vor der Halle eine beachtliche Schlange gebildet – der Kampf um die wenigen Restkarten war in vollem Gange. Unsere Roadies hatten Mühe, sich der Avancen weiblicher Fans zu erwehren, die sich offenbar einen Eintritt über die Hintertür des Clubs zu erschmeicheln suchten. Die Gästelistenplätze hatten sich Sony, BMG und Warner Music für stolze Summen reservieren lassen. Dann spielte die Vorband mit dem etwas seltsamen Namen Mando Diao ihren letzten Song und wir mussten uns auf den Weg zur Bühne machen, welcher durch endlose Katakomben führte. Paul McCartney schüttelte uns noch schnell die Hand und wünschte viel Erfolg, während Pete Doherty immer noch das Damen-WC blockierte. Wir enterten die Bühne. Der erste Gitarrenschlag erfolgte und das Publikum konnte sofort Songtitel, Album und Entstehungsjahr zuordnen. Sie hätten uns auch ein Status Quo-Cover durchgehen lassen. Nach dem Konzert versammelten sich in unserem Backstage die Boulevard-Schranzen allererster Güte. Des ganzen Rummels schließlich überdrüssig, zogen wir uns in die stattlichen Ruheräume für die Künstler zurück, wo wir uns mit Martin Scorsese und Scarlett Johannson über ein gemeinsames Filmprojekt verständigten. Wir sollten den Soundtrack beisteuern. Noch dieses Jahr sollte es nach L.A. ins Studio gehen. Martin Scorsese lud die Jungs darauf zu Drinks im Nebenzimmer ein. Als sich Dr. Valentine endlich zusammen mit Miss Johannson die verschiedenen Duett-Passagen der Soundtrack-Songs durchzugehen anschickte, schüttelte es ihn und auf einmal blendete ihn ein orangenes Licht in einem kleinen Zimmer, das mit alten Ledersesseln möbliert war. Moe rüttelte ihn endgültig wach: Mister Valentine, es geht los, wir haben schon über 20 zahlende Gäste hier im Silber Club.

#4 Tourtagebuch: Schade, Deutschland, alles ist vorbei!

p1000858Der 5. Mai ist holländischer Nationalfeiertag. Gefeiert wird die Befreiung des Landes von der deutschen Besatzungsmacht durch die alliierten Streitkräfte im 2. Weltkrieg. Und so hielt man es für eine gute Idee, eine deutsche Band spielen zu lassen. Der Club De Gloppe in Leeuwarden war bereits im vergangenen Jahr auf unserer Route und man hatte uns in guter Erinnerung behalten. Die heruntergekommene Junkie-Höhle, in der wir letztes Jahr nach dem Konzert eine Nacht des Schreckens verbracht hatten, präsentierte sich beim Vorbeifahren nun als modernes Start-Up-Büro mit blankpolierter Glasfassade. Diesmal sollten wir im Club bleiben.

Ganz Leeuwarden schien unterwegs. Wie bei jedem anderen Feiertag, dem sein ursprünglicher Sinn abhanden gekommen ist, traf man immer wieder auf stark alkoholiserte Personen in der Fußgängerzone. Dazu grollte eine Armee-Parade mit Uncle Sams Oldtimern vorbei. Wir bangten um unseren Volkswagen Tourbus.

Noch nie spielten wir so spät am Abend. In der Gloppe fangen die Bands eben nicht an, bevor die letzten da sind, sondern kurz bevor die ersten gehen wollen. Wir spielten um 1 Uhr. Die erwähnten Betrunkenen hatten sich inzwischen vermehrt und so spritzte das Bier in der ersten Reihe. Mikrofon-Übernahme-Versuche und naßforsche Übergriffe auf unser Equipment mussten unterbunden werden.

Die Holländer scheinen ein sentimentales Völkchen zu sein. Unsere neuen CD’s verschmähten sie, aber die inzwischen schon stark in Anspruch genommene pinke Krawatte Art Hustles war Gegenstand mehrerer harter Verhandlungen. Letztes Jahr noch wollte man unserem Drummmer Nils gar die Affenmaske abkaufen, die er damals noch beim finalen Song “Get The Monkeys Out Of Town” zu tragen pflegte.

Zwei deutsche Sätze kann ein jeder Holländer mit Sicherheit hersagen: den Fußball-Hohngesang “Schade Deutschland, alles ist vorbei!”, was immer wieder gern und oft an unsere Adresse ging und: “mein Fahrrad zurück!” – populär geworden im Zusammenhang mit jenen deutschen Soldaten, die 1945 vor den alliierten Truppen flüchteten und sich im ungeordneten Rückzug befanden. Zwecks schnellerer Hasenfußtaktik klemmten sie sich holländische Drahtesel unter den Hintern und strampelten davon.

#3 Tourtagebuch: Der Tourbus-Ticker

Ein Experiment. Was The Dots unterwegs hören und welche Auswirkungen dies auf die Stimmung im Bus hat.

13:23 Georg Kreisler – “das Herz ist schwach, die Liebe stark”, wir schwelgen beim “Taubenvergiften im Park”, echte Frühlingsgefühle.

13:35 Angelika Express – Zieh doch nach Berlin – unser Gitarrist wurde einmal mit einem Mitglied dieser Band verwechselt, es war ein sehr fortgeschrittener Abend vor der Groove Station Dresden.

13:44 Undertones – Teenage Kicks, “so hard to beat”, John Peel ließ sich das auf den Grabstein meißeln. Der Grabstein für einen Dots-Song ist noch nicht gehauen.

13:50 Madness – Our House, wir fahren durch eine Autobahn-Baustelle, Schilder mit grünen Smileys verkünden die noch zu bewältigende Länge des Bauabschnitts, sollen wohl die Autofahrer versöhnlich stimmen. Dr. Valentine bekommt einen cholerischen Anfall: “das sind also die Errungenschaften der modernen Psychologie, Autofahrer im Unterbewusstsein zu streicheln.”

14:04 Trio – Da Da Da – ich lieb dich nicht du liebst mich nicht aha, Art Hustle, Freund eingängiger Hooklines fragt: “Mister Valentine, wieso hast Du den Song nicht geschrieben?” Dr. V.: “Sorry, da war ich drei”.

14:20 – Franz Ferdinand – All You Girls – Nils meckert bereits: “sind wir eine Rockband,oder was? – mach das aus!”

14:22 – Spoon – That’s The Way We Get By – Nils mosert weiter: “der Tourbus-Ticker ist doch langweilig, eine Ansammlung ungeordneter Informationen”. Wir ärgern ihn mit Nena: deine blauen Augen.

14:30 – wir wollen Nils mit Oasis – Wonderwall – versöhnen, aber der stellt sich quer und motzt weiter: “das ist sicher der einzige Song von Oasis, den du kennst!”

14:55 – Joe Cocker – Summer In The City – Joe presst die Reggea-Rockwurst, wir kriegen Durst und öffnen das Bier mit dem Anschnallgurt.

15:00 – Dire Straits – Sultans Of Swing – der perfekte Highway-Soundtrack, aber auch für die Art Hustle-WG: täglich grüßt das Murmeltier, grüßen die Dire Straits im Bad bei der Morgen-Toilette

15.15 – Rolling Stones – Sympathy For The Devil – Keith gewittert mit seiner Voodoo-Gitarre, wir verpassen die nächste Autobahnauffahrt, thank you Jesus.

15.27 – Gossip – Heavy Cross – Die Stimmung wird aggressiver: Mars packt den Gnocchi-Auflauf von vorgestern aus, ein eigentümlicher Geruch verbreitet sich. Vulkan Nils, der erstaunlich lange stillgehalten hatte, bricht aus. Grenzwerte der Asche-Emission stehen kurz vor der Überschreitung. Nicht nur wegen des Rauchens.

15:40 – The Blues Brothers – Everybody Needs Somebody To Love – wir schließen Waffenstillstand: kein Tabak, dafür kein Gnocchi mit Möhren

15:53 – Rio Reiser – König von Deutschland – läuft der Player schon auf Random?

16:01 – Red Hot Chili Peppers – Stadium Arcadium – Art Hustle: “sorry, da hab ich mich verklickt” – Dr.V.: – “wieso hast du es dann auf Deiner Platte?” – “du weißt gar nicht, was ich alles auf meiner Platte habe.” – “Will ich gar nicht wissen.” – “Naja, ich hab mal als Hochzeits-DJ aufgelegt.” Wir skippen die Peppers.

16:08 – Ultravox – Dancing With Tears In My Eyes – uns kommen die Tränen: Stau.

16:25 – Andreas Dorau & Die Marinas – Fred vom Jupiter – wir debattieren über den technischen Fortschritt – konkret: kann man dem satellitengesteuertem Navigationssystem im Falle eines Staus trauen? Dazu die Fortschrittsfeinde von Karat – Der blaue Planet: “liegt unser Glück nur im Spiel der Neutronen.” Wir brechen den Waffenstillstand und rauchen den Stau weg. Wieder freie Fahrt.

16:43 – wir senken den Trashfaktor ein wenig – Anajo – Monika Tanzband rettet die Welt – ist denn schon 2012?

16:57 – Eminem – The Real Slim Shady – für den Song gibt es eine knappe Mehrheit im Bus und eine Minderheit, die sich langsam in ihr Schicksal fügt. Viva la Democracia.

17:06 – wir nähern uns den Niederlanden, unser Surf-Stick wird nicht mehr lange senden. Wir verabschieden uns mit U2 – Bloody Sunday – die Mehrheit zerfällt endgültig. Der Tourbus kocht der Grenze entgegen.

# 2 Tourtagebuch: Jailhouse Dots

p1000553Vier Meter hohe Stacheldrahtzäune umgaben uns, nachdem wir mehrere Sicherheits-Schleusen passiert hatten, die ins innere der Justizvollzugsanstalt Zeithain führten. Hier sollte also unser nächstes Konzert stattfinden und so schienen wir in die Fußstapfen Johnny Cashs zu treten, dessen legendärer Auftritt im Folsom Prison einen gewissen Outlaw-Mythos begründet hatte. Aber die Zeile „I shot a man in Reno, just to watch him die“, die so viele immer wieder zu beeindrucken scheint, wollte hier nicht so recht einleuchten. Die 30-40 Häftlinge, die sich im kleinen Konzertraum einfanden, hatten echte Gründe, weswegen sie hier waren. Der Sänger der Vorband – die den selbstironischen Namen The Smiley Outlaws trug und in welcher sämtlich Einsitzende die Instrumente bedienten – kündete z.B. die dargebotenen Cover-Songs als geklaut an, er sitze schließlich auch wegen Diebstahls ein. Im Set befanden sich Ostrock-Klassiker wie „Nie zuvor“ von Electra, Dr. Valentine erkannte es natürlich sofort und musste sich dafür vor seinen Bandkollegen umgehend wegen seiner Jugendsünden verantworten. Unglücklicherweise leide The Smiley Outlaws an permanentem Mitgliederschwund, wie wir erfahren mussten. Der zweite Gitarrist war verhindert, er hatte seine Zeit abgesessen. Der Keyboarder soll als nächster dran glauben müssen. Eins steht fest: The Dots wird niemand lebend verlassen.
Nie gab es wohl ein Dots-Konzert ohne weibliches Publikum in der ersten Reihe und ohne Alkohol. Zum Tanzen bekamen wir die harten Jungs nicht, aber ohne Zugabe wollten sie uns auch nicht gehen lassen. Art Hustle schonte sich nicht und bekam zur Belohnung ein JVA Zeithain-Handtuch zum Abtrocknen, welches uns von nun an auf der Tour begleiten wird. Unsere Versuche, im Gegenzug Dots-CD’s in den Wirtschaftskreislauf der Anstalt einfließen zu lassen, scheiterten aber am aufmerksamen Wachpersonal. CD’s sind gefährlich, Dots-CD’s insbesondere.
Wir werden natürlich darüber berichten, wenn das hauseigene Blatt, die Zeithainer Zensierte Zeitung, ihren Artikel über unseren Auftritt veröffentlicht hat. Bei unserem nächsten Zuchthaus-Rock wird zumindest das Publikum ein vollkommen anderes sein. Da spielen wir nämlich im Frauenvollzug Chemnitz.

Tourtagebuch 2010 – #1 Going deeper underground: Warming Up für die Tour

dots-30-04-2010Es ging los. Endlich. Aber der Tourbus wurde zuerst noch einmal in Dresden entladen. Heimspiel. Das Sputnik 2.0 ist das Reload des legendären Clubs in der Tannenstraße, oberhalb des Alaunparks, das vor drei Jahren einer profitableren Kapitalanlage weichen musste. Nicht weniger verwegen untergrundig präsentiert sich nun die neue Heimstätte: in den “altehrwürdigen” Kellern des Neustädter Bahnhofs. Wir spielten zum Tanz in den Mai. Der Sommer zeigte das erste mal in diesem Jahr, dass doch noch mit ihm zu rechnen sei. Wir führten unseren Regentanz auf, denn es galt unsere Indoor-Veranstalterlogik: “jetzt sitzen sie alle mit einer Flasche Rotwein am Fluss”. Der Regen kam zwar zu spät, aber der Sputnik-Bauch war dennoch gut gefühlt.

Vorher suchte uns aber noch ein Fluch der Technik heim. Ein Verstärker verweigerte sich, noch dazu das wohl edelste Teil im Set. Musiker neigen dazu, mit übertriebener Liebe an ihrem Equipment zu hängen. Selbst Dr. Valentine, der sich solchen Launen und Stimmungen selten hinzugeben scheint, zeigte deutliche Regung, als ausgerechnet beim ersten Soundcheck der Tour die Sicherung seines schuldentreibenden Gitarren-Amps durchschmorte. Sämtliche Wiederbelebungsversuche scheiterten. Aber dass der Weltgeist ein milder Greis ist, wissen wir, wenn wir die oft bemühte Redewendung des sogenannten Glücks im Unglück hernehmen: denn der Tourstart fand eben daheim in Dresden statt und so konnte schließlich mit einer kleinen Extratour ein Verstärker aus der Tiefe unseres Studios hervorgeholt werden und damit der Vergessenheit entrissen werden. Das alte Eisen pustete und hielt. Die A-Prominenz unter den Verstärkern, diese launenhafte Diva, schmollte derweil still backstage. Und auch am folgenden Tag in Chemnitz röhrte sie sich nicht.
Das Subway To Peter am Chemnitzer Hauptbahnhof. Wieder ein Kellergewölbe, wieder Underground. Einer dieser sympathischen, recht kleinen aber lauten und stimmungsvollen Schuppen, die Lust auf den Auftritt machen. Der Zuschauerraum war durch eine stattliche Säule geteilt. Diese teilte auch die Gunst des Publikums: links saßen die Hard Rocker und Punks, denen wir zu leise und schicklich spielten. Auf der rechten Seite hingegen stand man, wippte oder tanzte. Ein Stammgast, der seit 20 Jahren zu Konzerten ins Subway To Peter kommt, erwarb hier erstmals auch die CD einer Band, schön, dass es unsere war. Die kulinarische Spezialität des Subway To Peter stellt Knoblauchschnaps dar. Darum konnten wir uns nicht drücken. Gute Luft also, im Tourbus auf dem Weg zurück.

#4 Frankfurt – Lennestadt: Heute ein König

Der altehrwürdige Dreikönigskeller liegt trotzig zu Füßen der Frankfurter Skyline, wenngleich man sich nur schwer vorstellen kann, dass die Börse hier ausschweifende Afterworkparties feiert. Über eine enge Treppe gelangt man in ein schmales Tonnengewölbe, das klaustrophobischen Naturen nicht zu empfehlen ist. Neben der Bühne steht ein Elvis-Schrein, in dem andächtig Grablichter flackern. Im Hinterzimmer patroulliert ein Dobermann. Auf den ersten Blick kein Lokal, dass man als letzter verlassen möchte. Keine Rockband sollte es sich also nehmen lassen, hier aufzuspielen. Jack, bis 2008 Sänger bei uns, kündete sich als VIP-Gast an, da er den nächsten Tag von Frankfurt über Dubai nach Neuseeland fliegen wollte. Der Umsatz an der Bar war gesichert. Der Whiskey rann. Wir wünschen ihm schon deswegen einen guten Flug.

Wir gaben ein knackiges Set, hinterließen der zweiten Band des Abends einen gut gefüllten, stimmungsgeladenen Saal. Die Band musizierte schließlich eine Weile, stellte das Spielen dann aber irgendwann ein. Da standen noch sieben Leute vor der Bühne. MKO Swillus würde die ermunternden Worte gesagt haben: “Rock ‘n’ Roll ist kein Lehnstuhl”.

Photo loopOh

#3 Hamburg – Göttingen:

Auf dem Göttinger Weihnachtsmarkt dampften die Glühweinkessel. Art Hustle, der bei seiner Kleidung in der kalten Jahreszeit zum Pragmatismus neigt, trug eine schmucklose Multifunktionsjacke. Als wir uns im Gespräch mit einigen Besuchern des Weihnachtsmarktes als Band zu erkennen gaben, wurde er nicht als Sänger ausgemacht. Wir ließen dies offen und luden ins nahe Nörgelbuff, wo wir zwei Stunden später spielen sollten. Ohne Multifunktionsjacke war die Frage schnell beantwortet, die Raupe entpuppt, der Überraschungseffekt ganz auf unserer Seite. Die Schmähungen, die er noch vor dem Konzert über sich ergehen lassen musste, verkehrten sich nun in artige Komplimente. Dennoch kramte er am nächsten Tag aus der Truhe seines Vaters einen KGB-Wintermantel, präsentierte sich so der Band und fügte lakonisch hinzu: “wenn das nicht Indie ist!”.

#2 Köln – Hamburg: Der Bandgeist zu Pferde

Der Geburtsort der Seemannsromantik, St. Pauli, war bereits vor 18 Monaten einmal unser Spielplatz, damals noch im “Lehmitz”, laut Reiseführer “eine klassische Absturzkneipe mit größtenteils unberechenbaren Gästen”. Als Art Hustle gestern in die Runde blickte und das Publikum im Silber Club begrüßte, stellte er den Unterschied trocken fest: “Wir freuen uns jedenfalls, heute hier zu spielen.” Der Silber Club ist auf dem Kiez vor allem für seinen Frühclub am Sonntag berüchtigt, von 4 Uhr nachts bis 16 Uhr lassen hier Technoanbeter ihr Wochenende ausklingen. “Rocker halten einfach nicht so lange durch”, bedauert Bea, Bookerin und gute Seele des Clubs. Seit einiger Zeit versucht sie, vermehrt Rockkonzerte in den Silber Club zu holen. Here we were. Da gewisse Laster auf der Tour wieder eine neue Gnadenfrist erhielten, stellte man die Gretchenfrage des Rauchers: “wie hält mans hier mit dem Nichraucherschutzgesetz”? Bea fasste sogleich dessen Durchschlagskraft auf dem Kiez zusammen: “nur im Kühlraum wird nicht geraucht”.

Das Konzert. “Das Publikum schien hypnothisiert”, sagte eine Zuhörerin, die sich offenbar der Hypnose entziehen konnte. Bea tanzte hinterm Tresen. Paul McCartney soll am selben Tag in Hamburg gespielt haben. Als die Lichter angingen, die Stühle oben standen, schenkte man immer noch Kräuterschnaps ein. Irgendwann fing Dr. Valentine an, Anekdoten zu erzählen. Über Sokrates aus dem Fass. Und er will sogar Napoleon vom Pferd geworfen haben und den Bandgeist auf jenes gehievt haben. Und es gab wieder keine Haxe für Mr. Nils A. Antiknock.

#1 Dresden – Köln: Wir sind hier nicht bei Rock am Ring

Noch immer nicht geheilt von den romantischen Vorstellungen des fahrenden Musikantentums sammeln wir weiter Kilometer zwischen den Bühnen dieser Republik. Die zweite Tour 2009 hat soeben begonnen und führte uns am gestrigen Tage nach Köln. Wir teilten uns die Bühne des neonverkühlten Blue Shell mit unseren Freunden von YeahButNow! und den Paper Queens. Der Tontechniker wies beim Soundcheck auch gleich die ambitionierten Wünsche des Trommlers letzterer Band ins rechte Licht: “wir sind hier nicht bei Rock am Ring”. Später wurde der Mann am Pult entgegen seinem Wunsch nach Anonymität dann noch als Trommler der Band The Kilians enttarnt. Drei Bands an einem Abend zu versammeln ist natürlich das Höchstmaß an Aufmerksamkeit, was man einem Publikum abringen kann. Wir sind hier, wie gesagt, nicht bei Rock am Ring. Überdies sind drei Bands auch das Höchstmaß an Zumutung für einen Veranstalter. Das macht die Wege des Backstage-Bieres bisweilen unergründlich. Der Veranstalter verlor die Nerven und es kam zu einem Novum in der Bandgeschichte. Das Backstage-Bier wurde für kurze Zeit rationiert, weil es sich angeblich auch unter das Publikum gemischt haben soll. Die disziplinarische Maßnahme wurde aber rechtzeitig zu unserem Auftritt wieder ausgesetzt. Was auf unsere Spiellaune günstig wirken sollte.

Wir begaben uns nach durchlebter Passion zum Nachtlager in die Hauptstadt. Nach Bonn. Der Club “Blow Up” schickte jedoch in regelmäßigen Schüben noch ordentlich Lärm auf die Straße. Das lockte. Wir kehrten ein und machten uns mit dem eigenartigen Brauch der hiesigen Bevölkerung vertraut, vor der Einahme des Wodka Brausepulver zu schlucken. Diese Tradition hat es wohl nicht nach Berlin geschafft. Vielleicht aber zum Rock am Ring.

Tour-Impressionen Oktober 2009

Der Sommer hat sich auf die Postkarten zurückgezogen und wir kehren in die Clubs zurück. Vier Konzerte innerhalb von sechs Tagen, das lässt sich mit ein wenig Unverschämtheit Mini-Tour nennen.

08.10.09, Semesterstart der Mediziner, Dresden. Wir operieren am offenen Herzen (wir geben mal wieder: If you don’t love me). Der Aftershow-DJ ist dann auf Lobotomie spezialisiert.

09.10.09, Heine-Stadt Düsseldorf. You never can tell:


“Das Glück ist eine leichte Dirne/
Und weilt nicht gern am selben Ort;/
Sie streicht das Haar dir von der Stirne,/
Und küsst dich rasch und flattert fort.”

Nur der Tonmann war Zeuge. Immerhin: Simon Senator an der Orgel – fürs Wochenende aus London eingeflogen.

10.10.09, White Trash, Berlin-Mitte. Hier gibt es Burger zu Live-Musik, man spricht englisch, volles Haus; das Publikum – halb Berliner, halb Touristen. Auch die Laufkundschaft blieb zum Tanzen vor der Bühne.

14.10.09, Klub Neue Mensa, Dresden. Wir bewillkommen eine neue Generation Studenten symbolisch und tauschen ein Abi 2009 T-Shirt gegen ein Dots-Shirt.

#8 Görlitz – Dresden: Death Proof

Dresden, 10.05.2009, 12:03. 5000 Km unter den Reifen. Sieben Konzerte in acht Tagen. Über Holland waren wir nach Paris gefahren, von da durch Westdeutschland in den Norden, schließlich bis an die polnische Grenze nach Görlitz. The Other Way Down Tour 2009 – nun sind wir endlich unten angelangt: Sonntag mittag spuckte der treue Tourbus die Bandmitglieder einzeln vor ihren jeweiligen Dresdner Behausungen aus. Dem Wagen entstieg das, was man als den Rest der Band nach einer reichlichen Woche Tour bezeichnen kann. Scharfe Furchen und dunkle Schatten zeichneten die Gesichter. Der Gang schleppend und die Sonnenbrille tiefgerückt – jedoch waren sich alle einig: das machen wir wieder.

Am Abend zuvor aber spielten wir zunächst noch unsere letzte Show in der idyllisch an der Neiße gelegenen Vierradenmühle / Noteingang, Görlitz. Das Handy-Display zeigte bereits eine mobile Funkfrequenz aus Polen an. Also auch: vier Länder in acht Tagen.

Das komplette Live-Set wurde an diesem Abend noch einmal abgeklopft: zu finalen Ehren kamen die frühen Garage-Kracher C’mon Babe und Judith You Did It: einst Herzdamen, bald geschmäht, bald wieder geliebt und nach einer letzten leidenschaftlichen Nacht schließlich freigegeben. Neue Songs buhlen bereits um unsere Gunst und die des Publikums. Wir gaben alle Zugaben, die Kiezhymne Alright Now beschloss die Tour sinngemäß. Da sich die Afterparty in der Vierradenmühle schon bald nach dem Konzert dem Ende zuneigte, fanden wir uns noch spät in einer nahen Kneipe zu Bier, Kräuterbaguette und deutschem Schlager zusammen: Vögel der Nacht.

Als wir Sonntags gegen elf Uhr in Richtung Dresden aufbrachen, leerten wir die Aschenbecher, grüßten müde die Teilnehmer des gerade stattfindenden deutsch-polnischen Görlitz-Marathons, fuhren zur nächsten Tankstelle, kauften uns Radeberger und stießen auf die nächste Tour an. Death Proof.

Das muss hier auch erwähnt werden: unsere stolzen Wappentiere – die Flamingos – innerhalb der Band sehr gegensätzlich diskutiert, erregten große Aufmerksamkeit und fanden viel Beifall auf der Tour. Sie werden uns und Euch wohl noch eine Weile verfolgen. Watch out!

Wir danken all unseren Zuhörern!
Bis zum nächsten Mal
THE DOTS

#7 Emden – Görlitz: From Dusk Till Dawn

2009_05_07 12_22_0407.05.2009 _ 12_22_04IMGP2961.jpgDie Routenplanung vollbrachte das Kunststück, uns nach einer Woche zum Ausgangspunkt der Tour zurückzubringen. Beinahe zumindest. Die beschauliche Nordseestadt Emden liegt keine 100 Km östlich von Leeuwarden, wo wir letzten Samstag den ersten Akkord angeschlagen hatten. Das sympathische Café Grusewsky war bereits letztes Jahr Spielort der Dots. Die Atmosphäre ist entspannt, das Bier heißt Jever und der tresenmüde Musiker muss zum Schlafen nur über eine Treppe in die Ruheräume oberhalb der Bar. Erholung vom harten Touralltag – schließlich galt es, am nächsten Morgen früh aufzustehen, um kapitale 700 Km zum letzten Auftritt in Görlitz zurückzulegen.

Neben der treuen Stammkundschaft fanden sich auch einige jüngere Menschen ein, die Band gab die Gemütslage vor: helle Akkorde, helle Hemden, helle Gesichter.

Aber kurz nach Mitternacht, unser Auftritt war gerade vorbei, fielen die Untoten ein. Heavy Metal Afterparty. Da Menschen, die solche Musik hören, ihre abwegige Neigung gern in der Provinz ausleben und in Emden gerade ein Festival der harten Musik stattfand, versammelte sich der lokale Weltschmerz zum Ausklang im Grusewsky. Spielte die Jukebox eben noch Kings Of Leon, polterte sie im nächsten Moment Rammstein. Statt uns mit Kreuzen, Keilen und Knoblauch zu wappnen, ergriffen wir die Flucht, begaben uns die Treppe hinauf zum Schlafquartier, stopften uns Schaumgummi in die Ohren, während die dunkle Zunft bis zum Sonnenaufgang ihre Messe abhielt.

#6 Göttingen – Emden: Heimspiel

noergelbuff_Sieben Jahre ist es her, dass sich ein junger Student aus Göttingen bei der Dresdner Garage-Band namens The Chookers vorstellig machte. Bekannt als C. Moe Blitzschutz, Bassist auch des Nachfolgers The Dots. Damals wie heute schon dabei: Dr. Valentine, letzter Neubundesländer der tourenden Band. Jeder Ostelbische, der seitdem die Band verließ, wurde durch einen Zugereisten aus den alten Bundesländern ersetzt. Bei unserem Auftritt in Göttingen hatten wir aus diesem Grund ein Heimspiel: neben dem bereits Erwähnten standen noch die Göttinger Sprösse Art Hustle und Simon Senator im traditionsreichen Nörgelbuff auf der Bühne. Zuvor stimmte die Singer/ Songwriterin Jana Balenthien das Publikum ein. Der Saal war mit 80 Besuchern schließlich stattlich gefüllt, man präsentierte sich tourgestählt, in bester Spiellaune. Immerhin hatte auch Werder Bremen gewonnen. Die Stimmung stieg stetig, am Ende wurden sämtliche Zugaben eingefordert.

Zeugnis streng antrainierter Kondition war der gesammelte Umzug nach dem Konzert ins Dèjá Vu, der finalen Kneipe in Göttingen, einer dieser sympathischen Nachtasyle, in denen man der Morgendämmerung entgegentrotzt, die Sonnenbrille im Jacket – man braucht sie noch für den Heimweg. Simply the best. An diesen Orten trifft man gescheiterte Dichter, zähe Grübler und ewige Junggesellen. Nun, und hin und wieder einen Dot.

, Next