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Das Plattencover als Gattung

Die Musik, die Malerin, die Moderne und ihre Liebhaber

Gibt es Leute, die eine Platte kaufen, nur weil ihnen das Cover gefällt? Sicher findet der umgekehrte Fall häufiger Anwendung: man kauft trotz des Covers. Aber werden wir nicht albern: wer kauft denn heute noch Platten?

Und schon wieder war früher alles besser: Nehmen wir Abbey Road von den Beatles – wer kennt das Cover nicht? – jedes Mal z.B., wenn unser Drummer und Beatles-Liebhaber N. A. Antiknock einen Zebrastreifen sieht, versucht er drei Mitstreiter zu organsieren, weil er nur im aufgereihten Viererverbund die Straße überqueren will. Für den Ostdeutschen von besonderer Anziehungskraft ist natürlich das (schälbare!) Bananen-Cover von Andy Warhol, seinerzeit entworfen für das erste Velvet Underground-Album. In den meisten Fällen steht das Frontmotiv in keinem Verhältnis zur Musik der Platte. Denn wenn das Cover das Gesicht einer Platte wäre, müssten auf jenem ersten Velvet Underground-Vinyl eigentlich brasilianische Bossa-Hymnen zu hören sein.

Da wir aber Sinnzusammenhänge für durchaus wahrnehmbar und wünschenswert halten, haben wir uns entschieden, für das Album-Cover von “Next Time We Shall Have It All Our Own Way”, das Ölgemälde “Mädchen am Boden” der Münchner Künstlerin Saskia Neuhaus zu gewinnen:

Hier kann man darüber hinaus ihre neuesten Arbeiten finden – elegant, beharrlich, unsentimental – nach dem koketten Motto: man sollte das Leben nicht zu persönlich nehmen. Das passt, fanden wir. Next Time We Shall Have It All Our Own Way.

Is it art? It’s so contemporary!

So wohltuend frei von zeitgeistheischendem Innovations-Zwang geht es in der Bildenden Kunst leider immer seltener zu. Wir sind in dieser Hinsicht zwar Laien, gestatten uns hierzu dennoch eine Meinung. Wie also verfahren? Der Wert von Kunst lässt sich eigentlich nur noch über den Preis – also z.B. auf Auktionen – ausmitteln, wo man beispielsweise zur Erstehung einer mit einem angemalten Schnurrbart geschändeten Mona Lisa ein mittelständisches Unternehmen verpfänden müsste. Manche hängen sich einfach ein schwarzes Viereck im Werte einer Hochseeyacht an die Wand. Wir sehen hier schnell, dass der Kunstmarkt eine Art Unterabteilung einer Nervenheilanstalt sein muss. Demnach müsste man definieren: Kunst ist, was beim Käufer mit der Behauptung durchkommt, Kunst zu sein. Wir aber behaupten: nur gute Kunst ist Kunst. Und wir finden, Saskia Neuhaus macht gute Kunst. Aber das würde jetzt zu weit führen.

Zurück zum Kunstmarkt. Das Wesen moderner Kunst bestimmt sich außerdem dadurch, ohne Publikum auskommen zu können. Wie jetzt? – werden einige fragen: wo sonst soll sie ihr Auskommen finden? Aber welches Publikum wiederum lässt sich bei Verstand denken für ein handsigniertes Urinal, oder Häuser, die man mit Stofffetzen umwickelt hält? Der Verfasser dieser Zeilen will nicht für einen Feind der modernen Kunst gehalten werden, allein, sie könnte etwas mehr Kunst sein. Hier ist endlich der Raum und die Zeit, um abschließend ein paar spöttische Verse unseres mit vielerlei Wassern geschlagenen Gitarristen Dr. Valentine erstzuveröffentlichen – eine satirische Antwort auf die Frage, weshalb es Künstler gibt, die kein Publikum haben, aber Erfolg:

DIE GEBURT DES MODERNEN KÜNSTLERS AUS DEM FEUILLETON

Hing ein Künstler in der Krise
Früher tot im Schreibverließe,
Oder ging zu Huren saufen,
Weil das Publikum entlaufen,

Hielt man später Expertise
(Da die Künste in der Krise),
Wo die Meister sich durchdrangen,
Wie dies wieder einzufangen.

Einer, dem in manchem Hause
Wohl bezeigt war noch Applause,
Sprach, mit sorgensatter Miene,
Aus der Ecke der Kantine:

Nun, das Gute-Schöne-Wahre
Beifall fand sehr viele Jahre.
Also besser wär, wir halten
In der Sache zu den Alten.

Drauf, die hehre Künstler-Meute
Murrend hin zu diesem dräute,
Und schon schäumt‘ die lautste Kehle
Unsrer Gruppe aus der Seele:

Eines bleibt wohl unbestritten,
Andre Zeiten, andre Sitten.
Was sich unsren Läufen sperrt
Wird vom Sockel nun gezerrt.

Dünkte uns, mit schönen Liedern,
Sich der Masse anzubiedern,
Hielten wir es gleich Lakaien,
Karrten Perlen vor die Laien.

Und er donnert schauderhaft:
Nieder mit der Heidenschaft!
Rülpsend, furzend, schreiend dumm,
Stört es nur: das Publikum.

Selbst befeuernd den Applaus
Rief er noch ihr Credo aus:
Gottbefohlenes Genie
Fühlt ein Tiefgeborner nie!

Glücklich von der Welt geschieden
Fand man so nun seinen Frieden.
(Hin und wieder ein Mäzen,
Ward bei ihnen noch gesehn.)

Auch im Schreibverließ seither
Hängen keine Künstler mehr.
Traut, im Eigendünkel, schwären
Sie, die edlen Kunst-Hetären.

Über ihren kühnen Würfen
Brüten sie mitsammen, schlürfen
Kaffee in den Kunsthochschulen,
Statt um dumpfe Gunst zu buhlen.

Doch schon nach geraumer Zeit,
Regte auf sich Eitelkeit.
Und so manche Künstlerbrille
Blickt nervös ob all der Stille.

Lieber hockt man noch in Nischen,
Als dem Haufen nachzukriechen,
Träumt jedoch schon nachts von Mengen
Im Parterre und auf den Rängen.

Ach das Volk, das undankbare,
Ramscht besinnungslos nur Ware,
Lässt sich nicht die Stirne höhen,
Durch fortschrittlichste Ideen.

Armer Künstler unbegehrt,
Sicher fühlst du deinen Wert,
Deine Unverzichtbarkeit,
Für dein Land und deine Zeit,

Welche Stimme kann sich finden,
Ruhm und Ehre dir zu künden,
Bundesorden, Staatsempfänge,
Kupferbüsten, Preis-Gepränge?

Als schon manche Träne rann,
Kam vorbei ein Zeitungsmann,
Lächelte und sprach im forschen
Ton: ihr seid mir tolle Burschen!

Schließlich, für die Avantgarde,
Schlug mein Herz schon immer zart!
Also, die Kulturbeilage
Kommt für euch ganz klar in Frage.

Haben wir meist nur als Leser
Die bezahlten Kunstverweser,
Sitzen die doch vor den Türen,
Die in die Paläste führen.

Was auch noch zu wünschen wär,
Ging der Geist so ungefähr
Auf dem Klositz zu begreifen
Und danach gleich abzustreifen.

Künstler nun, auf Vernissagen,
Bühnen, oder in Garagen,
Rülpsen, Furzen, Ficken rum
Und es stört kein Publikum.

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