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# 7 Tourtagebuch: Erst das Fressen

tetrashWas bedeutet Touren? Schnelles Essen, Stau und Iso-Matte? Oder etwa doch: Ausschweifung, Freibier und Rock ‘n’ Roll? Es ist keineswegs spaltirre, wenn eine Person diese Frage einmal so und das andere mal so beantwortet. Es kommt nur darauf an, wem zu welcher Tageszeit diese Frage gestellt wird. Ob morgens dem verkaterten Rest von Mensch im Schlafsack oder abends dem adrenalinbefeuerten Musiker kurz vor dem Auftritt. Im Laufe unserer Tour wurden die Abende wilder und die Morgen härter.

Letzte Station: das White Trash, vormals ein China-Restaurant, jetzt eine Cholesterin-Fabrik gigantischen Ausmaßes. Wem nach dem Fressen zu schnell die Moral anfällt, der wird sich an diesem Ort in schwere innere Konflikte geworfen sehen, denn das Haus führt eigentlich jede Errungenschaft der amerikanischen Fast-Food-Kultur der letzten Jahrzehnte in der Karte. Wir aßen rechtzeitig und gaben unseren Mägen somit bis zum Auftritt genug Zeit, sich zu ordnen. Endlich räumte man die Tische vor der Bühne beiseite, wir hingen unser Leuchtschild an den Zahn des China-Drachens und los ging es. Verstärkt mit den beiden kräftigen Lungen der Bläser Andrej und Johannes spielten wir in großer Besetzung zum Tourfinale auf. Art Hustles suggestive Wirkung aufs Publikum schien sich während der Tour noch verstärkt zu haben: auf einen kurzen Wink von ihm rückte die erste Reihe anstandslos die noch verbliebenen 2 Meter näher an den Bühnenrand. Jede Band steht ja hin und wieder vor der Verlegenheit, dem mitunter schüchternen Publikum ein Näherkommen schmackhaft zu machen. Für den Künstler ist es ein schmaler Grad zwischen Anbiederung und überheblicher Gleichgültigkeit, beides Arten, das Publikum gering zu achten. Letztlich ist es wie beim Flirten: der Erfolg zählt. Aber: ein Zurück vom Bühnenrand gibt es dann nicht mehr. Von beiden Seiten nicht.

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